Schnee von gestern: Logistik eines Projekts
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Schnee von gestern Geschichte


Schnee von gestern: Das Projekt - Geschichte und Konzept

Vorbemerkung

Die Idee für das Projekt Schnee von gestern entstand beim weihnachtlichen Besuch meiner Eltern im Jahr 2000. Im Garten baute ich, wie seit Kindertagen nicht mehr, einen Schneemann und wünschte mir er würde jetzt für immer da stehen bleiben. Aus diesem Gedanken ging nach einigen Tagen der Plan für die Probjekte Schnee von gestern hervor.

Schnelllebigkeit charakterisiert zahllose Phänomene unserer Zeit. Doch trotz des Hungers nach dem stets Neuen sind wir in vielen Bereichen unseres Lebens auch immer um Konservierung bemüht: das einmal Geschaffene soll aufbewahrt, der natürlichen Vergänglichkeit begegnet werden. Um diesen Anspruch von Statik zu erfüllen, um das Bedürfnis nach permanenter Verfügbarkeit zu befriedigen, sind oft erhebliche Anstrengungen erforderlich. Wir finden uns nicht damit ab, dass Dinge zeitgebunden sind. Der Aufwand, der betrieben wird, um die Vergänglichkeit aufzuhalten, reicht vom Import neuseeländischer Äpfel im Frühjahr bis zur, in den USA bereits kommerziell angebotenen, Cryotechnik für Verstorbene, also das Einfrieren von Toten in der Hoffnung auf Wiederbelebung in einer mehr oder weniger fernen Zukunft.

Tiefgefrieren, bzw. Erstarrung, spielt bei Konservierungsvorgängen oft die zentrale Rolle. Das Thema hat globale Dimensionen: Der ‚Kühlschrank der Erde‘, das Polareis, ist von der Vernichtung bedroht. Eine der wichtigsten Fragen im Klimaschutz ist es, mit Hilfe alternativer Energiequellen die Folgen des künstlichen Treibhauseffektes zu bremsen – ein Thema, dass gerade in Anbetracht der aktuellen Energiepolitik, nicht nur der US-amerikanischen, auch ein starkes öffentliches Interesse erregt.
Dynamik bedeutet Wärme - Thermodynamik. Gewünschte und ungewünschte Veränderungen unserer Umwelt sind fast immer an die Immission von Wärme gekoppelt. Wärme ist gepaart mit Bewegung, Kälte dagegen mit Stillstand.
Meine Arbeit ist aber trotz allem kein 'Lehrstück'. Sie ist nicht zuletzt auch ein Spiel, vergleichbar mit dem eines Kindes, das seine Sandburg vor der ansteigenden Flut befestigen will...
Gegenstand des Spiels ist ein scheinbares Paradoxon; das Ergebnis darf nicht zu letzt auch Schmunzeln sein!

Nachdem die Idee geboren war, stellte sich die Frage nach der Machbarkeit – sowohl in technischer, als auch in finanzieller Hinsicht. Im Frühjahr 2001 begann die Arbeit am Projekt Schnee von gestern.

1. Akquise

Am Computer erstellte ich zunächst eine Simulation der Probjekte, so wie ich sie mir vorstellte – montiert übrigens mit einem Foto von jenen Schneemann, den ich bei meinen Eltern gebaut hatte.
Diese Digitalmontage wurde Teil einer Broschüre, mit welcher ich, 20-fach ausgestattet, begann Fachmessen für Solarenergie und Kühltechnik zu besuchen.
Computersimulation: Gefrierschrank, vollverglast auf einer Wiese am Hein, nahe der Kunstakademie Duesseldorf. Hier mit eigenem Dach (aehnelt einem Carport) fuer die Solarzellen.
Auf der Messe Solar Energy in Berlin führte ich im Juni 2001 erste Gespräche mit kommerziellen Anbietern und verschiedenen Institutionen. Ich erhielt Informationen über die voraussichtlich erforderliche Solarmodulfläche, Batterien, welche die Stromversorgung während der Nächte sicher stellen sollten und die notwendige Elektronik.

Auf besonderes Interesse stiess die Idee bei Volker Mank, einem Ingenieur am Stand der Technischen Fachhochschule Berlin. Nachdem ich an zahlreichen Messeständen technische Informationen bekommen hatte und das Projekt in der Regel zwar mit Wohlwollen, mehr aber mit Skepsis betrachtet wurde, wurde hier sogar schon eine konkrete Zusammenarbeit denkbar. Auch die Firma Steca-Solartechnik überraschte mich mit einem recht spontanen Angebot, die elektronischen Steuerelemente zur Verfügung zu stellen – im allgemeinen erwies sich die Sponsorensuche aber als eine der schwierigsten Aufgaben bei der Realisierung des Projekts (neben der technischen Planung und der Suche nach einem geeigneten Aufstellungsort). Der Geschäftsführer von Steca stellte später darüber hinaus einen Kontakt zu der Firma Liebherr Hausgeräte in Lienz, Österreich her, die das wohl einzige Kühlmöbel in Europa produziert, welches für das Projekt in Frage kommt (siehe unten).

Die meisten Messekontakte, auch die mit anfänglich sehr interessierten Unternehmen, verliefen nach teils mehrwöchigen E-mail Kontakten und vielen Telefonaten schliesslich im Sande. Als besonders schwierig erwies es sich, einen Sponsor für die Solarmodule zu gewinnen. Eine Firma bot zwar an, das Projekt komplett zu übernehmen, wünschte sich allerdings den sofortigen Beginn (Sommer 2001, also mit Kunstschnee) und einen für mich wenig attraktiven Aufstellungsort: einen Freizeitpark. Das war zwar grundsätzlich verlockend, widersprach aber auch meiner Vorstellung, einen „echten“ Schneemann von einem Winter zum nächsten zu retten und ihn schliesslich genau da wieder auszusetzen, wo er gebaut worden war.

Der dritte wichtige Kontakt ergab sich auf der Messe Inter Solar in Freiburg im Juli 2001. Dort begegnete ich Gerold Weber, Thomas Hartmann und Harald Schelske von der Solareinkaufsgemeinschaft e.V. .
Das ganze Team nahm die Idee sehr wohlwollend auf und nach kurzer Korrespondenz erhielt ich die Zusage, dass die Firmen Gerold Weber Solartechnik und Energie & Natur die Solarzellen für das Projekt übernehmen wollten. Auf diese Weise erhielt ich nicht nur die 14 hochwertigen Module für die Probjekte sondern auch weitere freundliche und fachkundige Beratung für die technische Umsetzung der Anlage.


2. Konkretisierung

Im September 2001 besuchte ich Volker Mank im Labor der Technischen Fachhochschule in Berlin. Wir stellten erste gemeinsame Überlegungen hinsichtlich der Systemplanung an und beschlossen, Schnee von gestern in Kooperation zu realisieren.
Als ein erstes Problem zeichnete sich ab, dass fast alle handelsüblichen Gefrierschränke mit Glasscheibe einen Stromverbrauch haben, welcher die erforderliche Fläche der Solarmodule ins uferlose treiben würde. Eine zweite Schwierigkeit bestand darin, dass die Kühlung der Geräte in der Regel über Verdampferplatten in Zwischenböden erfolgt (zwischen den Schubladen) – für uns war es aber ja von entscheidender Bedeutung, dass für den Schneemann eine einzige, nicht unterbrochene Zelle zur Verfügung steht.
Volker und ich überlegten verschiedene Lösungen: Vom aufwendigen Komplettumbau des Kühlkreislaufs bis hin zur Verwendung einer Gefriertruhe. Auf letztere Variante fiel nach intensiver Marktsondierung die Wahl.
Ich mag konfektionierte Gegenstände. Das Kühlmöbel soll so in Erscheinung treten, dass es keine besondere Aufmerksamkeit erregt. Ein kurzfristig überlegter Eigenbau schied daher nicht nur aus technischen, sondern auch aus konzeptionellen Gründen aus.

Eine Gefriertruhe aufrichten?

Mit der ‚Option Gefriertruhe’ verbanden sich die Vorteile eines nicht durch Schubladen oder Kühlspiralen unterbrochenen Kühlraumes, einerseits, und einem im Verhältnis zu Gefrierschränken sehr viel niedrigeren Stromverbrauchs, andererseits. Allerdings war das Problem der Verglasung damit noch nicht gelöst und ich beabsichtigte auch nicht, meinen Schneemann in einem liegenden Kühlsarg, sozusagen in Schneewittchen-Art zu lagern.
Es stellten sich also drei Aufgaben:

1. eine Truhe mit geeigneten Massen und minimalem Stromverbrauch zu finden,
2. diese aufzurichten und sie
3. mit einer Glastür zu versehen.
Besonders die Lösbarkeit der zweiten Aufgabe wurde vielfach bezweifelt – selbst auf der IKK, einer internationalen Fachmesse für Kälte, Klima und Lüftung, die im Oktober 2001 in Hannover stattfand, wurde mir wiederholt erklärt, es sei technisch nicht machbar, eine liegende Gefriertruhe aufzurichten und weiter zu betreiben.

Abgesehen davon erwies es sich als relativ einfach, ein potentiell geeignetes Gerät zu finden. Das Modell GTS 4726 Premium der Firma Liebherr erfüllte sowohl hinsichtlich der Abmessungen, als auch in Bezug auf den gewünschten besonders niedrigen Stromverbrauch, unsere Anforderungen. Der bereits erwähnte Kontakt zu (der Entwicklungsabteilung von) Liebherr Lienz wurde jetzt sehr vorteilhaft. Nach wenigen Telefonaten stand fest, dass der freundliche Entwicklungsleiter dort das Gerät nicht nur zur Verfügung stellen, sondern auch aufrichten (!) und auf 12V Gleichstrom-Betrieb umrüsten wollte. Im Mai 2002 traf die stehende Gefriertruhe an der TFH Berlin ein.

Gefriertruhe und Spezialfensterim Labor der TFH, August 2002

Gefriertruhe und Spezialfenster
im Labor der TFH, August 2002

Das Fenster als Energiefresser

Somit blieb das Problem der Verglasung. Die Glasscheibe würde in jedem Fall erhebliche Energieverluste bedeuten, soviel stand fest. Um diese so gering wie möglich zu halten, suchte ich nach einer maximal isolierenden Scheibe. Wir verabschiedeten uns von der Vorstellung, eine komplette Glastür zu benutzen und reduzierten rechnerisch die Scheibengrösse auf ein Minimum (welches erforderlich war, um die optische Wirkung der Probjekte nicht zu gefährden). Ich konnte in Erfahrung bringen, dass die Flachglas Wernberg GmbH ein Dreischeiben-Isolierglas anbietet, ein Produkt aus der Serie THERMOPLUS® SN, welches einen so geringen Wärmedurchgangskoeffizienten besitzt, dass es geeignet erschien. In der Marketingabteilung erklärte frau sich bereit, mir eine Scheibe mit den gewünschten Massen anfertigen zu lassen und das Projekt Schnee von gestern damit zu fördern. Kurze Zeit nach der Gefriertruhe traf das Spezialfenster in Berlin ein.

Solaranlage: Immageschädigend?

Die nächste Aufgabe bestand darin, das Solarfeld präzise zu planen und zu ermitteln, wie gross die Akkumulatoren sein müssen, um genug Energie für trübe Januartage und vor allem für die Nächte zu speichern.
Volker und einige Studenten der TFH legten ihren Berechnungen dafür eine statistisch denkbare Woche mit minimaler Sonneneinstrahlung zu Grunde. Diese wurde aus den Wetterdaten der letzten drei Jahre für Berlin konstruiert. Die sieben sonnenscheinärmsten Tage (alle aus den Monaten Dezember und Januar) wurden zu einer hypothetischen „worst-case“-Woche zusammengefügt und es wurde festgelegt, dass auch unter diesen Bedingungen genug Strom produziert werden müsste, um eine Kühlung von –5°C aufrecht zu erhalten. Grundlage dafür wiederum war ein geschätzter täglicher Stromverbrauch der umgebauten Gefriertruhe von 1 kW/h. Hieraus ergab sich die Grösse der Anlage, so wie sie heute besteht. Anders ausgedrückt: Auch in der dunklen Jahreszeit und dann ausgehend von nahezu durchgehend bewölktem Himmel kann so genug Energie verfügbar gemacht werden, um die Anlage sieben Tage und Nächte zu betreiben. Erst dann muss die Sonne mal wieder etwas stärker durchschauen, was gemäss der Statistik aber auch zu erwarten ist. Dies sei hier deshalb betont, da mir gelegentlich das Argument begegnete, die Probjekte könnte hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung von Solarenergie kontraproduktiv sein, und zwar in dem Sinne dass Reaktionen denkbar sind, wie: „So viele Solarzellen (ca. 13,5 qm) braucht man, um nur einen Gefrierschrank zu betreiben!...“. Der Einwand ist gerechtfertigt, wenn man, wie wir, Einstrahlungswerte zu grunde legt, die tatsächlich so schlecht in keinem der letzten Jahre gewesen sind. Würde das puristische Prinzip, den Schneemann ausschliesslich mit Sonnenkraft zu erhalten, fallen gelassen und eine Überbrückung mit Strom aus der Steckdose auch nur für wenige Stunden im „Notfall“ toleriert, könnte die Anlage ganz erheblich viel kleiner ausgelegt werden. Dies würde aber die gesamte Idee konterkarieren und wurde deshalb ausgeschlossen. Nach einem Jahr werden nur Sonnenstrahlen den Schneemann vor dem Tauen bewahrt haben. Dazu ist auch die Batterieanlage bewusst überdimensioniert worden. Für Details zur Anlage siehe
Technische Daten.
Für die Batterie fand ich zu meiner Überraschung erstaunlich schnell einen Sponsor. Die Firma Exide Technologies erklärte sich bereit, drei Blöcke mit je 180 A/h zur Verfügung zu stellen – genug um den Gefrierschrank mehrere Tage bei dem angenommenen Temperaturdurchschnitt von 20°C im Foyer des Hauses Grashof der TFH zu betreiben. Damit waren alle notwendigen Komponenten im Juli 2002 zugesichert und standen ab Oktober des Jahres im Labor für konvetionelle und erneuerbare Energien der TFH zur Verarbeitung bereit.
3. Testbetrieb

In der Realität lief die Umsetzung des Projekts natürlich nicht so reibungslos ab, wie es hier vielleicht den Anschein hat. Viele Kontakte mussten per Internetsuche und in zahllosen Telefonaten geschaffen werden – ein Beispiel ist etwa das spezielle Isolationssilikon zum Einbau der Scheibe, welches normalerweise im Kühlschiffbau verwendet wird...
Potentielle Sponsoren mussten gefunden werden. Ihre Zusagen oder Interessensbekundungen waren zum Teil die Grundlage für die weitere Planung, um dann schliesslich zurückgezogen zu werden. Wer sich letztlich an dem Projekt beteiligte, wollte regelmässig informiert sein und die eigenen Interessen gewahrt sehen. Andere Wege führten komplett in Sackgassen, wie etwa die Vorstellung, dass der Schneemann vielleicht mit einem speziellen Klarlack behandelt werden müsste (siehe unten)...

Kunst und Sponsoring

In diesem Sinne ein Wort zu Kunst und Sponsoring: Einige Idealisten werden vielleicht anmerken, dass ich die Sponsoren hier so explizit hervorhebe. Es gab durchaus Möglichkeiten, mit anderen Unternehmen zusammen zu arbeiten, auch wenn es selbstverständlich allgemein schwierig ist, Unterstützung im Wert von einigen Tausend Euro zu bekommen. Dennoch habe ich, wie bereits angedeutet, auch die Zusammenarbeit mit manchen Unternehmen nicht angestrebt, die zu einer Unterstützung bereit gewesen wären. Die Produkte die ich verwende, leisten im gewöhnlichen Einsatz einen Beitrag zum Umweltschutz. Deshalb stehe ich voll und ganz dahinter, sie hier auch hervorzuheben.

Wird er verdampfen?

In diesem Kapitel möchte ich aber auf etwas anderes hinaus. Immer wieder, wie ebenfalls bereits erwähnt, wurde die technische Umsetzbarkeit des Projektes aus verschiedenen Gründen in Frage gestellt. Bisher noch nicht angesprochen wurde das Problem der Verdampfung. Da im Innenraum des Gefrierschranks keine einheitliche Temperatur herrschen kann (nahe der Scheibe ist es immer etwas wärmer als an der kühlenden Rückwand), ergeben sich Ausgleichsströme der Luft. Auch sich unter 0°C befindliche Luft hat die Eigenschaft, Wasserdampf aufzunehmen und somit, wenn sie über den Schnee streicht, dessen lokale Masse zu verringern. Das Ergebnis ist der Niederschlag von Reif an den Kältepolen. Um der drohenden Schrumpfung des Schneemanns vorzubeugen, zog Volker in Erwägung, den Schneemann in Folie einzupacken – eine Idee die sehr plausibel ist (Hausfrauen und –männer schützen ihr teures Gefriergut so ja auch vor dem gefürchteten „Gefrierbrand“, was im Grunde nichts Anderes ist). An den Gedanken, einen zellophanverpackten Schneemann auszustellen, konnte ich mich nicht so richtig gewöhnen, doch das schien lange Zeit die einzige Lösung zu sein. Ganz am Anfang der Planung hatten wir daher sogar mal die aufwendige Lösung in Erwägung gezogen, die Kühlschleife selber durch den Schneemann zu legen. Später kam der erwähnte Lack ins Spiel, mit dem der Schneemann versiegelt werden sollte – in der Tat existieren wenige Speziallacke, die unter den vorliegenden Bedingungen trocknen. Die Folie blieb aber nichts desto trotz die realistischste Lösung und wir bestellten Muster von Spezialfolien, die aber schliesslich doch nicht zum Einsatz kommen mussten...

Test mit Kunstschnee schlägt Erwartungen

Am 21. August 2001 lagerten wir ein 10kg schweres Kunstschneekissen in den Gefrierschrank ein und begannen einen Testlauf an der Steckdose. Die Scheibe war zu dem Zeitpunkt bereits eingesetzt und es sollte nun zweierlei festgestellt werden: Wie gross ist der Stromverbrauch der umgebauten Gefriertruhe und wie stark schrumpft der Schneekörper?
Die aufgerichtete Gefriertruhe angeschlossen an Messgeraete.

Testbetrieb im Labor der TFH

Energieumstz wird von einem Datenschreiber ausgegeben.

Verbrauchsermittlung: Volker Mank und Konrad Beder

Die Scheibe wird mit Spezialsilikon eingesetzt.
Der Verbrauch der Anlage schlug alle Erwartungen – und zwar im positiven Sinn! Liebherr gab einen durchschnittlichen Stromverbrauch für die liegende Truhe von 868 Watt/h pro Tag bei –18°C an (also weniger, als unsere ursprünglich veranschlagte Kilowattstunde). Uns kam entgegen, dass wir das Gerät bei nur –5°C betreiben wollten; nachteilig hingegen wirkte sich die hohe Temperatur im Labor (heisse Augusttage, durchschnittliche Umgebungstemperatur von etwa 25°C) und vor allem die Scheibe aus. Auch war uns nicht klar, inwiefern das Aufrichten der Truhe Einfluss auf den Stromverbrauch haben würde: die kalte Luft fällt nach unten, dorthin wo in einer liegenden Truhe die Kälte auch produziert wird, was der Grund für den geringeren Verbrauch dieser Geräte im Vergleich zu Gefrierschränken ist. Diesen Vorteil konnten wir uns nicht mehr zu nutze machen. Per saldo ergab sich vor dem Einbau der Scheibe ein Verbrauch von etwa 480 Watt/h täglich. Dies war natürlich sehr erfreulich, da im Labor mit einer Verdopplung des Verbrauchs nach Einbau der Scheibe gerechnet wurde und somit die angepeilte tägliche Kilowattstunde noch unterschritten bliebe.
Der Verbrauch kletterte nun mit der Scheibe auf lediglich etwa 610 Watt/h pro Tag: ein sehr erfreuliches Ergebnis!
Das zweite Resultat des Versuchs zeichnete sich nach etwa acht Wochen ab. Die Verreifung hielt sich zu unserem Erstaunen sehr in Grenzen. Der Schneemann wird sich in 12 Monaten mit Sicherheit verändern, soviel bleibt erwartungsgemäss vorherzusagen, doch der Abtrag nach 2 Monaten wird auch versechsfacht „ästhetisch vertretbar“ bleiben. Der Zahn der Zeit sollte sich am Ehesten an den Veränderungen der Möhre zeigen, die der Schneemann als Nase bekommen hat.
4. Kurz vor Beginn

Kurz vor Weihnachten 2002 wurde die Box für die Batterien und den Laderegler entworfen und an der Kunstakademie in Düsseldorf gebaut.
Im Januar 2003 schliesslich wurden die Solarmodule auf dem Dach der TFH montiert. Es hatte zwar bereits geschneit, aber der Schnee war weniger brauchbar für einen Schneemann, als es hier den Anschein hat.
Am 13. Januar rief mich Volker nachmittags an: "Wo bist Du? Wir haben hier erstklassigen Schnee?" Nun ich war in Düsseldorf und der erste wirklich gute Schnee in Berlin hielt sich insgesamt für etwa fünf Stunden. Im Ideelfall schaffe ich es in fünf Stunden von Tür zu Tür. Ich wäre zu spät gekommen. Dann begann das Bangen: wird es nochmal schneien? Es gibt keinen Plan B...

Am Samstag, den 25. Januar dann erste Andeutungen im Wetterbericht: Zum Ende der Woche -2°C und ein paar Schneeflocken in Berlin. Seit Dezember war es jeden Tag das Erste nach dem Aufstehen ,dass ich im Internet den neusten Wetterbericht abfragte.
Am folgenden Montag kaufte ich die Mütze für den Schneemann in einem Düsseldorfer Second-Hand Laden, am Mittwoch sass ich um 19:00 im ICE nach Berlin (alle anderen Aufgaben ignorierend...). Der Transport der Batterienkiste (ca. 50kg) auf einem eigens angefertigten Wägelchen wäre der Dokumentation wohl auch Wert gewesen, doch eine Lachnummer wollte ich an dieser Stelle vermeiden.
Am Donnerstag: eine dünne weisse Schneedecke in Berlin. Die Kiste wurde zusammengebaut.
Entwurf für Battrieschaukasten





Solarzellen werden auf dem Dach der TFH montiert.
Freitag Morgen, 31.Januar 2003: Lange Gesichter im Labor der TFH. Es sah nicht so aus, als würde der Schnee reichen. Schliesslich fiel die Entscheidung, das bischen, das auf dem Hügel an der Luxemburger Strasse auf dem Campus lag, zu nutzen. Während des recht kläglichen Versuches, einzelne Schneeflocken zwischen den Grashalmen hervorzuholen, setzte dann tatsächlich ergiebiger Schneefall ein. Gegen Mittag lag er etwa 4cm hoch und war gut zu verarbeiten. Der Schneemann konnte nach 25 Monaten der Vorbereitung endlich gebaut werden. Die erste Variante, die auf besagtem Hügel entstand, wurde zwar während meiner zweiminütigen Abwesenheit um die Kamera zu holen, sofort von Kindern zerstört (meine Kinderfreundlichkeit war kurzfristig empfindlich beeinträchtigt), aber um 18:30 Uhr stand ein lächelnder Dreikugler im Gefrierschrank: erst vor der Tür der TFH, dann am Foyer.

Seit diesem Zeitpunkt wird der Schneemann von der Sonne am Leben erhalten. Aber ganz ohne fossile Energien geht es nicht: ein klassicher Schneemann besitzt nun mal Augen und Knöpfe aus Eierkohlen...

Schliesslich ist der Schneemann am 07. April 2003 offiziell an der Technischen Fachhochschule Berlin als Student immatrikuliert worden. Näheres dazu unter
Technische Daten.

 

Schneemannbau vor der TFH



Schneemann: Letztes Bild in Freiheit

 

5. Die Immatrikulation

Am 07. April 2003 wurde der Schneemann an der Technischen Fachhochschule Berlin immatrikuliert. Es sprachen: Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer, Amtierender Präsident der TFH, Prof. Dr.-Ing. Theo Bracke, Leiter des Labors für konventionelle und erneuerbare Energien, Prof. Dr. Hans-Dieter Kleinschrodt, Dekan des Fachbereichs Maschinenbau, Verfahrens- & Umwelttechnik und schliesslich der Autor selber.

Prof. Dr.-Ing. Theo Bracke Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer (links);
Prof. Dr. Hans-Dieter Kleinschrodt (Mitte)
Der Schneeman erhält
seinen Studentenausweis


6. Der "Jahrhundertsommer"

Die tageszeitung (TAZ) berichtete am 05.08.2003:

Immer schön cool bleiben
Ganz Berlin motzt über die Hitze. Jörg Dreikugler behält gerade wegen der Sonne einen kühlen Kopf. Seit Januar steht der Schneemann im Foyer der Technischen Fachhochschule - im Solarkühlschrank

30 Grad im Schatten lassen Schweiß in Strömen fließen. Ganz Berlin klagt über Hitze. Nur einer bleibt cool. Jörg Dreikugler, Student im ersten Semster, Schneemann im ersten Sommer. Seit dem 31. Januar steht er in einer
umgebauten Kühltruhe und schaut durch ein eingebautes Glasfenster ins Foyer der Technischen Fachhochschule.
Auf der Wiese direkt vor der Tür hat der Düsseldorfer Künstler Jörg Jozwiak an einem verschneiten Wintertag dem klassischen Dreikugel-Schneemann das Leben geschenkt - und ihn für ein Jahr den Händen der Vergänglichkeit
entrissen. Das ist natürlich nicht einfach Kunst, sondern, so der Künstler, "eine komische Begegnung im Alltag". Ausgerechnet die Sonne - sonst natürlicher Feind aller Schneemänner und -frauen - lässt Dreikugler über
den Sommer kommen. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach versorgt die mannshohe Kühltruhe mit Strom und sorgt somit für lebenserhaltene minus fünf Grad kalte Atmenluft.
Selbstverständlich also, dass Dreikugler auch im August seine rote Strickmütze trägt und um den Hals den roten Häkelschal. Die Eierkohlenaugen sind zwar schon leicht verdreht, der Zweigmund hängt am seidnen Faden, die
Möhrennase ist verschrumpelt. Doch sonst geht es ihm trotz der Hitze draußen blendend.
Im Kühlschrank hat der Schneemann ohnehin ganz andere Sorgen: Gefrierbrand. Der Horror der Hausfrau kann nicht nur Steaks, sondern auch Schneemänner austrocknen. Weil im Kühlschrank nicht überall die gleiche Temperatur
herrscht, kommt es zu Luftströmungen. An der wärmeren Oberfläche des Schneemanns verdunstet Wasser und kondensiert an der kühleren Kühlwand wieder zu Eis. Die Folge: Der Schneemann wird kleiner.
"Für sein Alter sieht Jörg noch enorm gut aus", findet Volker Mank. Der Ingenier vom "Labor für konventionelle und erneuerbare Energien" hat Dreikugler beim Überleben geholfen. Eine Woche lebt ein Berliner Schneemann
durchschnittlich, vermutet Mank. Dieser hier lebt schon seit 24 Wochen. Das entspräche 1.752 Menschenjahren.
Seinen ersten Geburtstag feiert der Schneemann trotzdem erst am 31. Januar 2004. Dann darf er raus aus der Kühltruhe. Anlässlich der Finissage wird er wieder vor die Tür gestellt. Bis dahin hockt er weiter in der Truhe und
erinnert Hitzenörgler an das Unvermeidbare: Der nächste Winter kommt bestimmt.

von Jan Rosenkranz

     

7 . Die Operation


Erklärung zum plastisch-chirurgischen Eingriff am 13.10.2003
(Text, der an der Probjekte angebracht war)
Der Schneemann leidet seit seiner Geburt an Transpirationsverlusten. Diese hatten in den vergangenen Monaten zu einer bedenklichen und f³r einen Schneemann pathologischen Gewichtsabnahme geführt, die einen operativen Eingriff erforderlich werden liess. Die Operation wurde am 246. von insgesamt 365 Lebenstagen des Patienten durchgeführt, dauerte 1 Stunde und 35 Minuten und verlief ohne Komplikationen. Die transplantierte Masse konnte zu ³ber 70% aus eigener Substanz gewonnen werden, der Rest entstammt Muttermaterial, welches seit dem Zeitpunkt der Geburt des Patienten in Voraussicht eines plastischen Eingriffs während der zweiten Lebenshälfte, lokal konserviert wurde. Die Re-Implantation der Eigensubstanz wurde möglich, da sich die Transpirations-, bzw. Sublimationsmasse an den Innenwänden der Behausung des Patienten akkumuliert hatte (Reif) und somit wiedergewonnen werden konnte. Das schollenartig abgebaute Material musste zunächst physikalisch homogenisiert werden, um anschliessend Schichtweise in den Bereichen Gesicht und Torso erneut aufgelegt zu werden. Mit dem Muttermaterial ist in gleicher Weise verfahren worden. Da der Patient permanent in der Öffentlichkeit steht, war es nicht zu letzt Ziel der Operation, einen kosmetischen Effekt zu erzielen. Aus diesem Grund wurde auch gleichzeitig eine Nasentransplantation durchgeführt ("Umrübung"). Die von Pilzkulturen befallene alte Nase ist durch neues Gewebe ersetzt worden. Abgesehen von der Umrübung wurde dem System keine neue Substanz hinzugefügt!


 

8. Das Ende

Am 31. Januar 2004 hatte der Schneemann 365 Tage dank der Sonneneinstrahlung überlebt. Zwei Tage später wurde er verabschiedet und dort wieder ausgestzt wo er entstand: Vor der Tür der Technischen Fachhochsachule in Berlin.

8. Schnee von gestern II in Rottenburg-Oberndorf

Einer der Sponsoren, die Firma Hartmann Energietechnik GmbH erwarb die Probjekte und brachte sie im Rathaus des schwäbischen Ortes Rottenburg-Oberndorf (Homepage des Ortes) bei Tübingen unter. Hier kann die Arbeit zur Zeit besichtigt werden. Der Gefrierschrank wird hier aus einer grossen Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes gespeist.
Eine Woche nach dem Ende des Projekts in Berlin bauten Kinder in Oberndorf einen neuen Schneemann und der Gefrierschrank wurde im Eingangsbereich des Rathauses installiert. Die offizielle Eröffnung fand am 06. März 2004 statt.



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