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(derzeit in Arbeit als Ferndoktorand am Godsmiths College, London)

Produktive Begegnungen :
Eine Untersuchung zur Bedeutung kreativer Kunstrezeption

Originaltitel: Productive Encounters:
An exploration into the importance of creative viewer response for art practice

Viele zeitgenössische Künstler/innen beschäftigen sich in ihrer Arbeit mit politischen, kulturellen oder ökologischen Fragestellungen. Dabei fordern sie ihr Publikum heraus, sich selbst, sowie seine soziale und natürliche Umwelt zu hinterfragen und neu zu betrachten. Anstatt jedoch die eigene Sicht der Dinge zu illustrieren und Lösungen anzubieten, verlangen viele Künstler/innen von ihrem Publikum den Werken eigenständig Bedeutung zu verleihen. Dabei stellt das Werk vor allem einen Anlass für Reflektionen und Erfahrungen dar, deren Gestalt und Inhalt jedoch zu einem großen Teil von jedem/r Betrachter/in individuell abhängt. Ich schlage den Begriff der „produktiven Begegnung” („productive encounter”) vor um diese Art der Publikumsbeteiligung zu charakterisieren.

Produktive Begegnungen mit Kunst erfordern einen kreativen Umgang mit dem Werk seitens des/der Betrachters/in und relativieren die Ansicht, dass der/die Künstler/in die letzte Instanz der „richtigen” Interpretation darstellt. Trotzdem diese Position einer Instanz häufig von Künstler/innen abgelehnt wird, zeigen Ergebnisse der empirischen Publikumsforschung, dass eine Mehrheit des Kunstpublikums sich nicht gerne in der Rolle der autonomen Interpreten sieht, beziehungsweise, dass ihnen dieses Anliegen nicht geläufig ist. Es dominiert der Wunsch zu entschlüsseln, was „der/die Künstler/in sagen wollte” und die Vorstellung, dass nur über das Auffinden dieser Intention (und des historischen, philosophischen, etc. Kontexts der Entstehung des Werks) dieses angemessen zu interpretieren ist.

Als Künstler stellt sich mir die Frage, wie ein Werk seine eigene Offenheit für verschiedene Interpretationen vermitteln kann. Hier schein es sich um ein Paradox zu handeln: Kann künstlerische Intention sein, nicht nach Intentionen gefragt zu werden? Hieraus ergeben sich verschiedene Herausforderungen: Ergibt sich hier eine neue Form der Didaktik? Ist es überhaupt Aufgabe von Künstler/innen, auf die Offenheit des Werkes hinzuweisen oder eher die von Kurator/innen, Lehrer/innen, etc.? Wo im Spannungsfeld zwischen „Offenheit” für individuelle Interpretationen und „Geschlossenheit” (im Sinne einer gewollten Wirkung, die jedes bewusst gewählte Werkthema letztendlich mit sich bringt) findet eine produktive Begegnung statt? Wie sind produktive Begegnungen letztendlich zu definieren?

Meine Untersuchung hat neben dieser kunstphilosophischen vor allem eine praktische Dimension. Um die Fragen zu klären, wie ein/e Künstler/in produktive Begegnungen mit seiner/ihrer Kunst wahrscheinlicher werden lassen kann, werden drei verschiedene Diskurse herangezogen: Rezeptionsästhetik (insbesondere Wolfgang Isers „Wirkungsästhetik”), Gestalt- und kognitive Psychologie sowie Museumsstudien („museum studies”). Methoden, die in diesen Disziplinen mit dem Ziel entwickelt wurden, eine kreative Haltung bei einer Zielgruppe zu begünstigen, werden mit Strategien klassischer und zeitgenössischer Künstler verglichen. Dargestellt werden sowohl Ähnlichkeiten wie Unterschiede; das besondere Augenmerk liegt auf der Entdeckung und Entwicklung von Strategien, die als Hintergrundwissen bei der Schaffung von Kunstwerken interessant sein können.

Solche Methoden werden im Rahmen des praxis-basierten Doktorats („practice-based PhD”) direkt in Werken erprobt. Strategien und Theorien aus anderen Diskursen dienen dabei sowohl als Inspiration für neue Arbeiten, als auch als Prüfkriterien für bereits angefertigte Werke. Des Weiteren entstehen Arbeiten mit dem Ziel, produktive Begegnungen zu ermöglichen ohne dabei bewusst Bezug auf andere Wissensgebiete zu nehmen. Diese Arbeiten (wie auch Arbeiten anderer Künstler/innen) werden dann anschließend mit Methoden und Theorien der genannten Disziplinen verglichen und es wird überprüft, ob diese neue Perspektiven für die Beschreibung und Beurteilung von Kunst liefern können.

Das Konzept der produktiven Begegnung gestattet, so wird argumentiert, bisher disziplinär getrennte Betrachtungen zusammenzubringen. Der interdisziplinäre Ansatz dieser Arbeit verfolgt das Ziel, einen Beitrag zum besseren Verständnis der Beziehung zwischen Künstler/in und Publikum zu leisten und dabei Kunstschaffenden und Kunststudierenden neue Perspektiven auf die eigene Arbeit zu ermöglichen.

 

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